"Wir sind nicht so verschieden" - Teilnahme am Dialog-Projekt „Likrat“ des Zentralrats der Juden

Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 12 und 13 der IGS Gerhard Ertl in Sprendlin-gen nahmen am vergangenen Donnerstag, 21.02.2019, an dem Dialog-Projekt „Likrat“ des Zentralrats der Juden teil.

Frederik Wolich, 19 Jahre, studiert BWL in Mannheim. Am Donnerstag saß er wieder in der Schule und reichte den nahezu gleichaltrigen Schülerinnen und Schülern der IGS Gerhard Ertl in Sprendlingen seine Kippa. „Diese trage ich nur in der Synagoge. Einmal hatte ich vergessen, die Kippa auszuziehen, als ich die Synagoge verlassen habe und wurde von einigen Menschen auf der Straße ziemlich komisch angeschaut.“, erzählte der junge Student, der sich vor einigen Jahren zum Likratino ausbilden ließ und seitdem Schulen besucht, um sein ganz persönliches Judentum vorzustellen und mit den Jugendlichen in den Dialog zu treten. An seiner Seite: die 20-jährige Susanna Kirjasi. Beide wurden von ihren aus der ehemaligen Sowjetunion stammen-den Eltern eigentlich nicht religiös erzogen, aber für Susanna spielt ihre Religion heute schon eine wichtige Rolle. Wie es dazu kam, wollte Noah, Schüler der Jahrgangsstufe 12, wissen. „In einem Ferienlager habe ich zum ersten Mal an einer richtigen Schabbatfeier teilgenommen und das war für mich der ausschlaggebende Punkt.“, erzählt Susanna begeistert. Für viele Schüle-rinnen und Schüler ist es an diesem Mittag im Musiksaal der Schule das erste Mal, dass sie ins Gespräch mit Jüdinnen und Juden kommen.

In Anbetracht des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland, insbesondere auch an Schulen, interessierte die Schüler vor allem auch die Frage, wie die beiden zu einer jüdischen Gruppie-rung in der AfD stehen. „Ich bezweifele, dass es religiöse Juden sind und natürlich stehen wir in keinster Weise dahinter.“, machte Frederik seinen Standpunkt klar. Auch der Direktor der IGS Gerhard Ertl, Michael H. Kuhn, betrachtet die rassistischen und antisemitischen Tendenzen in unserer Gesellschaft mit Sorge und appellierte an alle Anwesenden: „Die Gesellschaft muss leise und beständig sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Wir müssen nicht unbedingt laut sein, aber ich vermisse, dass oftmals keine klare Position bezogen wird. Ich möchte den Schatz der Demokratie an meine Kinder weiter geben.“

Likrat ist hebräisch und heißt so viel wie „aufeinander zugehen“. In dem Dialogprojekt des Zentralrats der Juden begegnen sich Jugendliche auf Augenhöhe. Gerade das gefällt dem Abitu-rienten Lucas: „Es war gut, dass wir unsere Fragen Jugendlichen und nicht etwa jüdischen Ge-lehrten stellen konnten. So mussten wir nicht nur Sachfragen stellen, sondern konnten auch viel Persönliches erfahren.“ Die Idee für das Dialogprojekt stammt aus der Schweiz, in der das Pro-gramm bereits seit mehr als 15 Jahren existiert. Auf die Begegnungen werden die Likratinos gut vorbereitet – Themen wie jüdische Geschichte oder Gesprächsführung stehen auf dem Pro-gramm. „Ziel des Projekts ist es, Vorurteile und stereotype Wahrnehmungen aufzubrechen, jü-dische Kultur und Religion kennenzulernen und vor allem Verständnis und Toleranz für das Judentum sowie Minderheiten generell zu entwickeln.“, fasst die Geschichts- und Religionsleh-rerin Anna-Maria Schmidt, die den Dialog an der IGS Gerhard Ertl organisiert hat, zusammen. Die Wichtigkeit einer solchen Zusammenkunft ist für alle Schülerinnen und Schüler deutlich geworden. „Wir sind nicht so verschieden. Das ist mein Anliegen, das deutlich zu machen“, resümiert der Likratino Frederik und Noah fügt hinzu: „Voreingenommene Bilder ändern sich. Deswegen sind solche Dialoge wichtig.“